E.L.O. 2 - 1973

Mit freundlicher Unterstützung von EMI Music Deutschland

Bandmitglieder:

Jeff Lynne

Bev Bevan

Richard Tandy

Colin Walker

Wilf Gibson

Michael De Albuquerque

Mike Edwards

Internationale Auszeichnungen der Musikindustrie für dieses Album, Stand Oktober 2005.

Land
Gold
Platin
Deutschland
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United Kindom
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U.S.A.
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Quellen: IFPI / BPI / RIAA

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Es sind alles in allem nur fünf Tracks, aber jeder Song ist eine Forschungsreise. Jeder Song birgt so viele Ereignisse in sich, dass man selbst nach endlos wiederholtem Hören immer noch neue Dinge entdeckt.

Jeff Lynne, 1973.

Albumentstehung und Aufnahmetechnik

Aufnahmen für eine zweite LP hatten schon im Mai 1972, damals noch mit Roy Wood, der vor allem Bass und Gitarre spielte, in den Philipps Studios, London, begonnen, wurden aber nicht zuende geführt. Man hatte damals an den beiden Boogies gearbeitet, die ja bereits zum Liverepertoire gehörten und sich später zu den Stücken IN OLD ENGLAND TOWN und FROM THE SUN TO THE WORLD entwickelten. Als Jeff nach Roy Woods Ausstieg aus der Band mit dem neu zusammengestellten ELO zurück ins Studio ging, griff man auf diese Bänder zurück. Die Sessions wurden nun in George Martin’s Air London Studios KUIAMA (Take 1), NUMBER FOUR (MOMMA TAKE 2) und ROLL OVER BEETHOVEN (Take 1) wurden am 8. September 1972 in Angriff genommen. Weitere Sessions folgten bis in den Oktober hinein. Das Mastertape wurde am 7. Januar 1973 fertiggestellt.

Da drei der insgesamt nur fünf Stücke bereits monatelang live gespielt wurden, konnten die Aufnahmen zügig vonstatten gehen, was auch erforderlich war. Der übliche, den Aufnahmen vorangehende Prozess sah damals so aus, dass Lynne ein Tape mitbrachte mit einer Songidee, das man dann gemeinsam durchging, bis jeder es verinnerlicht hatte. Danach wurden schrittweise Arrangements hinzugefügt, was recht viel Zeit in Anspruch nehmen konnte, da man ja auf höchstmögliche Komplexität abzielte. Jeff Lynne hielt absolut die Zügel in der Hand, dennoch betrachtete er ELO zu diesem Zeitpunkt als interagierende Band. Bemerkenswert ist auch, dass die klassisch ausgebildeten Musiker, die zunächst noch auf Notenblätter zurückgriffen und sich alles aufschrieben, was sie zu spielen hatten, schon bald genauso alles nach Gehör spielten und einübten wie die Rockmusiker.

Die Herangehensweise im Studio unterschied sich stark von der des ersten Albums und von allem, was Jeff Lynne bisher produziert hatte. Das Material wurde überwiegend live im Studio eingespielt, mit nur sehr wenigen Overdubs, um die Sache abzurunden. Auf dem Album befinden sich fast nur erste und zweite Takes. Alle Songs wurden in einem Take abgemischt, d.h. es gab keine Teilstücke, die separat abgemischt wurden und dann hinterher editiert wurden. Dieser völlig neue Ansatz für Jeff bei der Albumaufnahme mag teilweise der Tatsache geschuldet sein, dass man nur wenig Zeit für Studiotüftelei hatte wegen der parallel laufenden Liveverpflichtungen, er spiegelt aber andererseits auch Lynnes damalige Philosophie gegenüber der Band wieder: Da Liveauftritte für das ELO von zentraler Bedeutung waren, sollten die Stücke auf der Bühne umsetzbar sein. Wohl auch bedingt durch die Erfahrungen beim ersten Album zielte Lynne auf eine Annäherung von Studio- und Livesound. Nicht die Studiotüftelei, sondern die Musiker der Band und ihre Beherrschung der Instrumente sollten im Vordergrund stehen. Schließlich war man ja angetreten, der Welt zu zeigen, dass man auch auf klassischen Instrumenten ganz real so richtig abrocken konnte ...

Konzept

Die Koordinaten für ELOs zweites Album wurden von Progrock der klassischen Prägung (Longtracks, vertrackte Arrangements, flirrende Elektronik) bestimmt. Das Rezept zu kommerziellem Erfolg mit anspruchsvoller Rockmusik sah der Bandleader Jeff Lynne damals darin, „dort anzusetzen, wo all diese Gruppen mit ihren halbstündigen Gitarrensolos im Moment stehen“, [Tony Stewart. “Jeff Lynne. Warum Roy Wood Die Band Verließ. ELO Ego Analyse.“ Interview. Trans. FTM Germany. FTM Germany 18, Dezember 1997.] Ferner betonte er, dass er die Komplexität der Arrangements noch weiter erhöhen und mehr Variationen und Themen einbringen wolle. Die Streicher sollten eine noch zentralere Rolle im Bandgefüge einnehmen, indem ihnen beispielsweise mehr Freiraum für Improvisationen zugestanden wurde. [ “… und was ist das Nächste für ELO?” Trans. FTM Germany. FTM Germany 18, Dezember 1997.]

Würdigung

Obwohl das zweite ELO-Album weit mehr als sein Vorgänger die damals gängigen Konventionen des Artrocks befolgte und insofern einerseits ein typisches Progrock-Produkt seiner Zeit ist, so haftete letztlich auch ihm etwas sehr Eigentümliches und Originelles an, was es von anderen Alben der Ära dann doch absetzte: Das Tolle bei „ELO 2“ war vor allem, dass es Jeff Lynne tatsächlich gelang, sowohl die Grundideen des Debütalbums zur vollen Blüte zu bringen als auch zugleich eine sanfte Weiterentwicklung anzudeuten, die sicherstellte, dass sich die neuaufgestellte Band in Zukunft nicht in den Fängen eines zu enggesteckten musikalischen Leitbilds verfangen würde. Obwohl das Album weniger skurril als das Debüt war und dem traditionellen Rockinstrumentarium und hier, aufbauend auf dem Ansatz der Livekonzerte, insbesondere der E-Gitarre, wieder viel mehr Raum zugestanden wurde wie auf dem Debütalbum, kann man trotzdem sagen, dass den Streichern eine ganz besondere Rolle zukam: Sie sind nicht nur schmückendes Beiwerk, spielen rockige Parts und erhalten viele Möglichkeiten für glanzvolle Soli. Das Ziel einer Verbindung von Klassik und Rock tritt in den unterschiedlichsten Formen zutage, sei es nun in den rockigen Streicherparts, in den klassischen Zitaten von Beethoven, Schubert oder Rossini oder in den klassischen Passagen des Albums. Auch wenn sich andere Progrocker an der Kombination von Klassik und Rock probierten, so konnte ihnen das nie in dem Ausmaß gelingen wie ELO, da nur ELO speziell für diesen Zweck gegründet worden waren und über die entsprechenden Möglichkeiten einer organisch gewachsenen Band dieser Art verfügten.

Es darf aber bei all dieser Faszination für die Streichersounds nicht übersehen werden, dass Jeff Lynne mit „ELO 2“ noch eine zweite Komponente, die zu einem typischen Element vieler späterer ELO-Alben werden sollte, etablierte: das modernistische Element. Beim Debütalbum ging der Blick noch eindeutig zurück in eine altmodische Musikwelt der Vergangenheit. Doch „ELO 2“ offenbarte durch den intelligenten und effektvollen Einsatz des Moog-Synthesizers in Kombination mit kraftvollen Gitarren und Drums auch Qualitäten des Spacerock, wie er damals von Bands wie Hawkwind und in dieser Phase auch noch Pink Floyd gespielt wurde. Kritiker mögen einwenden, dass diese Komponente weit weniger originell war wie die Streicherparts, doch darf nicht übersehen werden, dass ELO schon damals eine hochindividuelle Herangehensweise bezüglich des Synthesizers, auch in Kombination mit den Streichinstrumenten, entwickelten, die ein großes Experimentierfeld für zukünftige Alben bot. In jedem Falle sollte dieses seltsame Spannungsverhältnis zwischen Altmodischem und Modernismus, in unterschiedlichen Spielarten und Zusammensetzungen freilich, den Reiz und das Besondere vieler zukünftiger ELO-Alben ausmachen.

Peter Sutter, September 2012.