Eldorado - 1974

Mit freundlicher Genehmigung von Sony/BMG

Internationale Auszeichnungen der Musikindustrie für dieses Album, Stand Oktober 2005.

Land
Gold
Platin
Deutschland
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United Kindom
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U.S.A.
1
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Quellen: IFPI / BPI / RIAA

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Albumentstehung und Aufnahmetechnik

Es war eine schicksalhafte Begegnung, als der ELO-Mastermind Jeff Lynne in den De Lane Lea Studios in London, wo ELO bereits seit einiger Zeit, zunächst mit Kenny Denton, doch bald darauf wieder mit dem vertrauten Tontechniker Dick Plant bzw. seinen Assistenten Mike Pela und John Richards, am Nachfolgealbum von „On The Third Day“ gebastelt hatten, auf Arrangeur Louis Clark traf, der dort gerade am Musical „William Shakespeare“ von Raymond Froggatt feilte. Clark sollte zum Orchesterleiter und Arrangeur von Chor und Orchester für ELOs neues Album und auch die nachfolgenden Alben werden und Jeff Lynne entscheidend bei der Umsetzung einer orchestralen ELO-Vision helfen, die zwar nicht mehr dem ursprünglichen Konzept entsprach (welches vorsah, dass alle Instrumente von Bandmitgliedern gespielt wurden), aber durchaus als logische Weiterentwicklung gesehen werden kann.

ELO zogen nun also für die neue Einspielung eine 30-köpfige Streichersektion, eine 10-köpfige Holz- und Blechbläsersektion und einen 20-Mann-Chor hinzu. Da Jeff Lynne wie so viele Größen der Rockmusik keine Noten lesen kann, musste Louis Clark die Ideen des Songwriters zu Papier bringen. Natürlich lieferte er gerade am Anfang auch selbst einige kreative Anstöße. Der dritte Mann, der beim Arrangieren des Orchesters ein Wort mitredete, war Richard Tandy. Die typische Arbeitsweise, die sich mit der Zeit und für die Folgealben herausbildete, war, dass man sich zum Beispiel in Jeffs Haus traf. Jeff oder Richard saßen dann am Klavier und spielten die Songs. Jeff sagte den anderen, wo er einen Orchesterpart wünschte, diese schrieben dann die Noten nieder. Louis bediente den Synthesizer und fügte die Streicherarrangements hinzu.

Die Orchestersessions standen allerdings ziemlich am Ende des Aufnahmeprozesses des neuen Albums, welcher mit Sessions im Februar 1974 begonnen hatte,dann wegen der 1974er-Amerikatournee längere Zeit unterbrochen worden war und schließlich im Juni Mellow 9/74 und Juli, möglicherweise noch bis in den August hinein, fortgesetzt wurde. Trotz der Orchestermusiker spielte die Band in der Besetzung Lynne, Tandy, Bevan, McDowell, Edwards und Kaminski de facto einen Großteil der Musik ein. Entgegen der Angaben der Albumcredits und bisheriger Vermutungen spielte Michael de Albuquerque auf dem Album wohl nicht (oder nur zu einem geringen Anteil) die Bassparts, da er während der Aufnahmen nach eigener Aussage im Urlaub war.

Konzept

Während bei „On The Third Day“ die konzeptuelle Einbettung noch etwas schwerfällig wirkte, lag eine der großen Stärken des neuen Albums darin, wie gut das musikalische und textliche Konzept aufeinander abgestimmt waren und ineinander griffen. Der Untertitel der LP wies auf das musikalische Konzept hin: Hatte Lynne schon bei „On The Third Day“ die Einzelsongs in Form einer Suite verbunden, so ging er nun bei „Eldorado“ noch einen Schritt weiter und legte das Muster einer klassischen Symphonie zugrunde: Es gibt eine Ouverture und ein Finale und bestimmte Themen, die sich wiederholen. Textlich handelt das Album in den Worten von Jeff Lynne vom „ewigen Träumer, der aufwacht und die harte Realität des Lebens sieht, und sie nicht ertragen kann.“ [Colin Irwin. “Colin Irwin meets Jeff Lynne.” Sounds, September 1974. ] Die einzelnen Stücke spiegeln die verschiedenen Träume wider. Es gibt Verweise auf Legenden, Märchenbuchhelden und berühmte Persönlichkeiten (William Tell, Ivanhoe, Lancelot, Regenbogen, Shakespeare, Robin Hood, Leonhard Cohen, Rolling Stones ...). Diesmal gab es also eine Storyline, wobei die genaue Auslegung der Geschichte Sache des Hörers ist, während die Texte nur die Rahmenhandlung vorgeben.

Würdigung

„Eldorado“ stellte für ELO einen Wendepunkt dar und leitete eine lange andauernde, vollorchestrierte Phase in der Bandhistorie ein. Aufgrund des Orchestereinsatzes klang das Album bombastischer als alles, was Jeff Lynne bisher aufgenommen hatte. Abgesehen von der neuen Dimension, die bezüglich des Klangvolumens bei den klassischen Instrumenten erzielt wurde, machte das vierte Studiowerk aber auch ernst mit dem beim letzten Album geäußerten Vorhaben, bezüglich des Orchesterkonzepts auch in instrumentaler Hinsicht neues Terrain zu erschließen. Neben den üppig arrangierten Streichern gab es dieses Mal auch filigrane Holz- und Blechbläsersektionen zu hören: Waldhörner, Flöten, Trompeten- und Posaunenduelle und abgehende Schalldämpfer-Trompetenklänge, die Möglichkeiten des Orchesters wurden voll ausgeschöpft.

Mit „Eldorado“ war es Jeff Lynne einerseits gelungen, ein Musterbeispiel für eine Klassikrock-LP zu schaffen. Das eigentlich Besondere in dieser Ära war aber, dass das neue ELO-Werk zugleich mit seinem, im Gegensatz zum Vorgängeralbum, polierten Sound ein deutlicher Schritt hin in Richtung einer direkteren und eingänglicheren Variante des ELO-Konzepts war, ohne dass die Musik dabei, wie Jeff Lynne rückblickend betonte, „zwangsläufig kommerzieller ausfiel als „On The Third Day“. Sie war vielleicht zugänglicher, mit besseren Melodien. Vor „Eldorado“ arbeitete ich gewissermaßen ein wenig gegen mich selbst, indem ich mir nicht wirklich zugestand, mich völlig gehen zu lassen und Songs zu machen, von denen ich glaube, dass sie großartig sind.“ [Melody Maker, 2. April 1977.]

Insofern begann sich ein neuer Ansatz herauszukristallisieren, der zunehmend zu einer Besonderheit des ELO werden sollte und von der Musikkritik nur allzu oft unterschlagen wurde: das extreme In-die-Tiefe-Gehen (statt der beim klassischen Prog üblichen Aufbrechung des konventionellen Songschemas in Form von Longtracks) einer Aufnahme, die Vielschichtigkeit. ELOs Raffinesse zeigte sich vor allem in der Detailverliebtheit bezüglich der Arrangements und im Herumexperimentieren mit der vielfachen Schichtung und der äußerst geschickten Anordnung der einzelnen Soundelemente im Klangraum. Darüber hinaus kann man einige Songs wie LAREDO TORNADO mit ihren vielen Teilen und Richtungswechseln gar als eine verdichtete Form der Progrock-Ideologie auffassen. Rückblickend kann man somit vielleicht sagen, dass ELO neben Supertramp eine der ersten Gruppen waren, denen es gelang, die Eigentümlichkeiten des Progrock in eine Musik zu überführen, die ebenso ehrgeizig, aber zugleich kompakter, zugänglicher und melodiebetonter war. [vgl. Rob Michel. “The Musical Scene in 1973-1974.” Dutch Progressive Rock Page, August 2002.]

Peter Sutter, August 2013.