Face The Music - 1975

Mit freundlicher Genehmigung von Sony/BMG

Bandmitglieder:

Jeff Lynne

Bev Bevan

Richard Tandy

Mik Kaminski

Hugh McDowell

Kelly Groucutt

Melvyn Gale

Gastmusiker:

Louis Clark

Ellie Greenwich

Nancy O'Neil

Margaret Raimond

Susan Collins

Internationale Auszeichnungen der Musikindustrie für dieses Album, Stand Oktober 2005.

Land
Gold
Platin
Deutschland
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United Kindom
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U.S.A.
1
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Quellen: IFPI / BPI / RIAA

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Albumentstehung und Aufnahmetechnik

Während kurzer Pausen bei den langandauernden „Eldorado“-Tourneen des Jahres 1975 hatte Lynne in üblicher Manier damit begonnen, neue Stücke zu schreiben, viele davon am Piano, was bereits gewisse Rückschlüsse auf den zu erwartenden Sound zuließ. Im Mai und Juni fanden in den Münchner Musicland-Studios die grundlegenden Aufnahmesessions statt. ELO bekamen den Tipp, das Studio in München zu benutzen, von ihren Tournee-Kumpanen Deep Purple, deren Album „Stormbringer“ (1974) hier produziert worden war. Nachdem sie bisher häufig die Lokalität gewechselt hatten und auch die Arbeit in den zuletzt genutzten De Lane Lea Studios nicht das Nonplusultra darstellte – neben steuerlichen Gründen und den Problemen bei den Orchesteraufnahmen war auch die technische Ausstattung eher limitiert, und es gab einige Missverständnisse zwischen Lynne und dem aufnehmenden Toningenieur Dick Plant – hatten Jeff und seine Mannen dieses Mal ins Schwarze getroffen und im Münchner Tonstudio mit seinem genialen Toningenieur Reinhold Mack endlich das Ambiente entdeckt, wo sie ideale Voraussetzungen für die Umsetzung der eigenen musikalischen Visionen vorfanden.

Erneut baute der Maestro bei den Aufnahmen auf ein großes Orchester. Die Streicher-Sessions fanden trotz aller Probleme – mangels besserer Alternative vermutlich – auch weiterhin in den Londoner De Lane Lea Studios statt und wurden während des Sommers in mehreren Sessions zu Ende geführt. Auch die Keyboards und einige Gitarren wurden hier bzw. im weiträumigeren, eigenständigen Gebäudekomplex des De Lane Lea Music Centres noch hinzugefügt, ehe es für die Aufnahmen des Gesangs zurück nach Deutschland ging. (Da Dick Plant anderweitig eingebunden war, wurden diese Sessions vor allem von dessen ehemaligen Assistenten Richard Goldblatt betreut, der mittlerweile selbst zu einem äußerst kompetenten Tontechniker geworden war.)

Die abschließenden Sessions fanden wohl noch bis in den Oktober hinein im Record Plant in New York mit Jimmy Iovine statt. Das letzte, was aufgenommen wurde, waren die Background Vocals der Sängerinnen, danach begann die Abmischung bzw. das Remixing. Das Mastering fand in L.A. statt.

Die im Vergleich zu VOrgängeralben zunehmende Studiobastelei fand auch in der Perfektionierung eines besonderen Schlagzeugsounds ihren Niederschlag, der nun zusehends zu einem Markenzeichen der Band und immer häufiger eingesetzt werden sollte: Bev Bevans wuchtiges Mörderschlagzeug. Dies war das Resultat eines besonderen Aufnahmeverfahrens, bei dem es sich im Wesentlichen um eine doppelspurige Aufnahmetechnik der Drums handelte, wobei eine Spur im eigentlichen Studio, eine weitere aber in einem halligen Raum aufgenommen wurde. Zum Schluss wurden die zwei Spuren zusammengemischt, und fertig war die „Betonmischmaschine hinter dem Beat“, wie es die Presse einmal treffend umschrieb. (Die ursprüngliche Drumspur für das Takthalten wurde am Ende gelöscht.) In späteren Jahren ging man dann dazu über, die Technik nur auf einen Teil des Kits anzuwenden, hauptsächlich auf die Snare-Drums und Tom-Toms (und Ende der 70er wohl auch die Bass Drum), was in einem kompakteren, aber immer noch wuchtigen Sound mündete. Alles in allem war der ELO-Drumsound dieser Jahre eine sehr spezielle, einzigartige Mixtur, bei der bis ins kleinste Detail nichts dem Zufall überlassen wurde. Auch die Art und Weise, wie man die Mikrofone positionierte, hatte man genauestens ausgetüftelt.

Konzept

Das fertige Album bestand schließlich aus acht Aufnahmen, die, obwohl thematisch nicht zusammenhängend, musikalisch erneut durch Zwischenspiele zu einem größeren Ganzen verbunden wurden. In gewisser Weise konnte jedes dieser Stücke als Single ausgekoppelt werden. Zugleich aber war Jeff Lynne nach wie vor an übergreifenden musikalischen Atmosphären interessiert. Es war insofern eine Art doppelte Herangehensweise, die er hier etablierte. Singleband oder Albumband, warum sollte nicht beides zusammen möglich sein?

Wie schon „Eldorado“ zeichnet sich das Album durch eine surreale Atmosphäre aus, wobei der Hörer allerdings zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hat, wieder in den Landen des Herrn Königreichs oder von Ivanhoe und Lancelot angekommen zu sein. „Face The Music“ wirkt eher wie ein gespenstischer Trip mit Horrorsequenzen einerseits und paradiesischen Zuständen andererseits. Auf einer abstrakteren Ebene stellt sich das Gefühl eines Paradieses ein, das von allen Seiten her bedroht wird und dabei ist, unterzugehen.

Es würde aufgrund der vielen anderen Einflüsse wahrscheinlich etwas zu weit führen, „Face The Music“ als Jeff Lynnes Phillysoul-Album zu bezeichnen, dennoch ist seine Absicht, den Sound etwas mit R&B und Soul in der Art, wie er gerade in Mode kam, zu ergänzen, offensichtlich, wenn man bedenkt, dass er bei Songs wie EVIL WOMAN und NIGHTRIDER mit dem rhythmischen Beat, den charakteristischen Violineneinwürfen und dem Frage- und Antwortgesang ganz gezielt Elemente dieser Stilrichtung aufgriff.

Würdigung

Während mit „Eldorado“ das bombastische orchestrale Element etabliert worden war, kann man „Face The Music“ rückblickend getrost als das Album betrachten, das ELOs späteren Ruf als Studiozauberer begründete.Natürlich finden sich auch auf „Face The Music“ wie auch auf späteren ELO-Alben immer auch klassische Elemente (z. B. das Zitieren von Händels HALLELUJAH im Albumintro), doch sind sie eher ein Einfluss unter vielen. Der neue Ansatz für das ELO lief, zumindest im Studio, darauf hinaus, sich, wie in Zeiten vor Gründung des Projekts, die Freiheit zuzugestehen, eine möglichst große Bandbreite von Stilen und Einflüssen, die Jeff Lynne als Musiker über viele Jahre gesammelt hatte, zu einem hochindividuellen Sound zu verbinden, der sich keiner singulären musikalischen Richtung und Tradition verpflichtet sah und sich eben nicht in einem oder zwei Genres direkt verorten ließ.

Peter Sutter, April 2014.