Time - 1981

Mit freundlicher Genehmigung von Sony/BMG

Bandmitglieder:

Jeff Lynne

Bev Bevan

Richard Tandy

Kelly Groucutt

Gastmusiker bei E.L.O.:

Rainer Pietsch

Sandy Lynne

Bayrisches Streichorchester

Internationale Auszeichnungen der Musikindustrie für dieses Album, Stand Oktober 2005.

Land
Gold
Platin
Deutschland
1
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United Kindom
1
1
U.S.A.
1
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Quellen: IFPI / BPI / RIAA

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[Time] ist ein Konzeptwerk,welches in der Zukunft spielt. [...] Ich habe versucht, einen andersartigen Sound zu kreieren, indem ich mit einem anderen Arrangeur zusammengearbeitet und deutlich weniger Streicher als gewöhnlich verwendet habe. Das Endergebnis ist ein weitaus härterer Sound.

Jeff Lynne, Frühjahr 1981. ["Time For ELO." Record Mirror, Frühjahr 1981.]

Albumentstehung

So richtig ins Rollen kam das neue Projekt entgegen ursprünglicher Planungen erst Anfang 1981, da sich die Arbeiten für „Xanadu“ überraschend lange hingezogen hatten. Ziel war es, den die frühen Achtzigerjahre dominierenden Zeitgeist von New Wave und Synthpop als Inspirationsquelle zu nutzen. Seit jeher von Technologie begeistert, war die weitere Verschiebung des Fokus weg von den sanften Streichern, intimen Vocals sowie den zunehmend als kitschig empfundenen Discoelementen der letzten Werke hin zur technoiden Komponente und den Synthesizern der Band – in Richtung einer New-Wave-kompatiblen Soundästhetik also – im Prinzip ein kleiner Schritt für ELO, aber ein großer Schritt, um das ungeliebte Weichspülimage zu relativieren, welches ihnen inzwischen anhing:Ein bisschen zeigte sich Jeff Lynnes Lust auf Veränderung auch bezüglich der Aufnahmeroutine, indem zu Jahresbeginn eine ganze Reihe von Studiolokalitäten in Europa und Amerika ausgetestet und dort auch Teile beziehungsweise frühe Mixes der späteren Songs aufgenommen wurden. Doch für den Löwenanteil der Aufnahmen und den Feinschliff buchte man ab März bis etwa Mai 1981 dann doch wieder wie gewohnt ausgiebig Studiozeit bei Mack in den Münchner Musicland Studios, wo das neue Werk allmählich Konturen annahm. „Wir hoffen, dass es ein Konzeptalbum werden wird“, ließ sich Bev Bevan im Frühjahr zitieren. Die Tatsache allein, dass ELO es wagten, inmitten einer Zeit, in der konzeptionelle Werke gerade auch bei den New-Wave-Gruppen im allgemeinen verpönt waren, ein textlich zusammenhängendes Album herauszubringen, zeugt vom Mut, eigene Wege innerhalb eines abgesteckten Terrains zu gehen.

Konzept und Klangbild

„Time“, so der Titel des neuen Longplayers, ist zu verstehen als eine Zukunftsvision, eine Zeitreise in die Endphase des 21. Jahrhunderts. Ähnlich wie bei „Eldorado“, ELOs wichtigstem Konzeptwerk der Siebziger, gibt es eine zentrale Figur, die in einer Parallelwelt landet, nur dass es dieses Mal eine unfreiwillige Reise ist (ob sie tatsächlich stattfindet oder nur im Kopf, wird bewusst offengelassen), während der Charakter in „Eldorado“ ganz im Kontrast dazu der ungeliebten Realität durch seine Tagträume räumlich oder, wenn eine zeitliche Komponente einbegriffen ist, in Richtung einer glorifizierten Vergangenheit entflieht. Um dem Konstrukt „Time“ jenen verschwommenen futuristisch-entrückten Charakter zu verleihen, den es benötigt, um seine volle Wirkung zu entfalten, konnte Jeff Lynne zwar auf den reichen Fundus des New-Wave-Soundbaukastens zurückgreifen, doch wieder einmal zeigte sich das Visionäre des Klangforschers in der Missachtung von bereits vorhandenen Bauplänen und einem sehr unkonventionellen, spielerischen Umgang mit der breiten Palette an wavigen Stilelementen. Weiterhin mit einem Forscherdrang versehen, was den innovativen Einsatz von Synthesizern anbelangt, entlockten Lynne und sein Tastenzauberer Richard Tandy ihren Soundmaschinen wieder besondere, unverwechselbare Töne: Neben anderen Modellen setzten sie dieses Mal mit einer 1980 erschienenen Soundmaschine der amerikanischen Firma Oberheim die entscheidenden Akzente: Der OB-Xa eignete sich mit seiner großen Palette an weich-entrückten und zugleich kraftvollen Sounds bestens, um die intendierte Zeitreise mit all ihren wehmütigen, aber auch albern-komischen Momenten in Gang zu setzen. Im Vergleich zu den meisten anderen Gruppen war Jeff Lynnes Herangehensweise ferner auch deutlich variabler ausgelegt. Er zog aus nahezu allen Spielarten der New Wave Inspiration, die sich damals abseits des Hauptfades abspielten, und flocht die Stilelemente in das dominierende Konstrukt aus vielfach geschichteten Keyboards ein. Unter der mächtigen Synthesizer-Architektur, die als Gesamteindruck zurückbleibt, findet sich außerdem eine traditionelle Grundierung aus elektrischen Gibson- und akustischen Ovation-Gitarren sowie Pianoklängen. Selbst das Motto „Zurück In Die Zukunft“ beherzigte der Soundmagier, indem er sich für seine Klangvision weiter munter in den Sechzigern und frühen Siebzigern bediente. Nur dass dieses Mal mehr noch Sci-Fi-kompatible Heroen wie David Bowie, Joe Meek oder Elton John herhalten mussten als die Beach Boys oder die Beatles. [Allerdings offenbaren einige Stücke einen deutlichen John-Lennon-Einfluss, was angesichts der Ereignisse im Dezember 1980 – John Lennon wurde ermordet – vielleicht als eine Art unaufdringliche Hommage an das Vorbild angesprochen werden kann.]

Würdigung

1981 und 1982 waren nochmals kommerziell sehr erfolgreiche Jahre für ELO. Die Single Hold On Tight wurde ein weltweiter Hit. Das Album eroberte in einer ganzen Reihe von Ländern, darunter England und Deutschland, den Spitzenplatz in den Hitparaden. In Amerika allerdings, wo der Longplayer nur Platz 16 erreichte, setzte sich trotz aller Bemühungen der Abwärtstrend fort. Manche Radiostationen weigerten sich sogar, das neue Material zu spielen.

Nachdem sich in den Achtzigern der Einfluss „Times“ auf die Konzeptionen elektronisch geprägter Interpreten wie Thomas Dolby oder Depeche Mode (Album „Black Celebration“) vor allem indirekt erschließen ließ, rückte die Bedeutung des Oeuvres seit den Neunzigerjahren durch die Bekenntnisse angesehener Indiemusiker wie den Flaming Lips oder Grandaddys sowie einiger vollkommen elektronisch arbeitender Musiker endlich auch zunehmend ins Bewusstsein des breiteren Musikjournalismus. Die Einschätzung, dass Jeff Lynnes erste richtige Langspielplatte des neuen Jahrzehnts für Bands, die sich auf die 80er-Jahre beziehen, teilweise schon einen Stellenwert erreicht hat, der der Bedeutung von „Out Of The Blue“ für die Siebziger-Dekade nahekommt, scheint keineswegs zu weit hergeholt. Mit dem Voranschreiten der Zeit wächst die Erkenntnis, dass es sich bei „Time“ trotz aller lyrischen Beschäftigung mit der Zeit in Wahrheit um ein zeitloses Album handelt. Zugleich öffnet sich ein neues Fenster der Betrachtung, denn je mehr das 21. Jahrhundert voranschreitet, desto mehr taugt das Album auch als trostspendendes Vehikel der Nostalgie: Man kann sich nun sogar noch besser mit dem Zeitreisenden identifizieren, der sich die guten alten Tage zurückwünscht. „Time“, zu deutsch also die „Zeit“, heilt sicher ein paar Wunden.

Peter Sutter, 2012.